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Freitag, 22.08.2008

Wenn die Pumpe schlappmacht

Ludger Pallas ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Nicht einmal, sondern schon des Öfteren in den vergangenen 15 Jahren. Und es kann jederzeit wieder passieren, dass sein Herz plötzlich aus dem Tritt iommt. Sein Lebensretter: der Defibrillator.

Chefarzt Dr. Rudolf Sack präsentiert einen Herzschrittmacher...

und kontrolliert mit Oberärztin br. Claudia Daub die Daten auf einem Computer.

Ludger Pallas (über-)lebt dank eines Defibrillators.

Der kleine Apparat mit hochsensibler Ausstattung, kurz „Defi" genannt, ist ein Folgeprodukt des Herzschrittmachers. Und der feiert in diesem Jahr ein Jubiläum: Er wird 50 Jahre alt. „Die Geräte sind ein Segen", sagt Dr. Rudolf Sack. Pro Jahr implantiert der Chefarzt der Kardiologie am Elisabeth-Krankenhaus rund 140 Herzschrittmacher und 30 „Defis". 24 Jahre ist es her, dass er dem ersten Patienten eine kleine Wundermaschine einpflanzte. „Seitdem gab es in diesem Bereich eine wahnsinnige Entwicklung."

Die modernen Schrittmacher registrieren die Herzaktivität und werden nur bei Bedarf aktiv. Außerdem erkennen sie, was der Patient tut. Ob er nun schläft oder joggt, der Herzschlag wird der jeweiligen Belastung angepaßt. „Das ermöglicht auch jüngeren Patienten ein normales Leben." Noch ein Fortschritt: Aus dem reinen elektronischen Impulsgeber ist ein Mini-Computer geworden, der mit dem Rechner der Ärzte in Verbindung steht. Sie können Schrittmacher und auch Defi-brillatoren von ihrem PC aus einstellen und ablesen, wann und warum das Gerät „angesprungen" ist. „Der nächste Fortschritt wird sein, dass wir die Geräte über das Internet steuern können", ist Dr. Sack überzeugt.

Ludger Pallas ist das egal. Hauptsache, sein Herz schlägt weiter. 1993, da war er gerade 38 Jahre alt, setzte es zum ersten Mal aus. Der Betriebswirt kippte er in einer Sitzung vom Stuhl: „Meine Kollegen dachten, ich hätte herumgehampelt und wäre deshalb umgefallen." Aber dann erkannten sie den Ernst der Lage, leisteten Erste Hilfe und alarmierten den Notarzt. Der holte den Betriebswirt zurück ins Leben und lieferte ihn ins Elisabeth-Krankenhaus ein.

Als Pallas dort einige Tage später aus dem Koma erwachte, wusste er erst nicht, was passiert war. „Dr. Sack hat mich aufgeklärt und mir deutlich gemacht, dass ich ohne Defi jederzeit an einem Herzstillstand sterben könnte", blickt er zurück. Niederschmetternd sei die Diagnose gewesen. „Ich hatte Angst vor der Operation und dem, was danach kommt." Der Arzt hat Verständnis: „Viele Menschen haben diese Probleme."

Die Träger von Schrittmachern spüren nicht, wenn das Gerät ihrem schwachen Herzen einen „Tritt" gibt, weil es zu langsam schlägt. „Aber es ist unangenehm, wenn der Defi anspringt. Er übernimmt die Funktion der ,Bügeleisen', die jeder aus den Fernsehserien kennt, und die von außen auf die Brust gesetzt werden", erläutert der Mediziner den Unterschied. Ludger Pallas bringt es auf den Punkt: „Du kriegst richtig derbe einen gewischt."

Zuletzt erlebte er das vor drei Jahren im Flugzeug. Auf dem Weg in den Urlaub schlug sein Defi 14-mal in Folge an. „Ich lebe durch ihn weiter", sagt der 52-Jährige heute, aber er weiß aus bitterer Erfahrung: „Nichts ist mehr so wie früher." Unfreiwillig wurde der Betriebswirt und Diplom-Controller zum Frührentner. „Der soziale Abstieg schmerzt am meisten. Ich hätte so gerne wieder eine feste Arbeit, aber wegen des Defis nimmt mich keiner."

50 Jahre Herzschrittmacher

Kooperation von Mediziner und Ingenieur ermöglicht den medizinischen Fortschritt, der Leben rettet.

  • 1958 implantierten der Arzt Äke Senning und Ingenieur Rune Elmquist erstmals ein komplettes Schrittmachersystem im Körper des Patienten Arne Larsson. Dieser verstarb erst 2002 mit 86 Jahren. Bis zu seinem Tod wurden ihm 22 verschiedene Herzschrittmacher implantiert.
  • Ein Herzschrittmacher ist ein elektrisches Gerät, das den Herzmuskel zur Kontraktion anregt, wenn das Herz zu langsam schlägt oder Pausen macht. Der kleine Apparat registriert permanent die Herztätigkeit und gibt nur bei Bedarf Impulse ab. Dadurch sorgt es für eine optimale Herzfrequenz und damit für die ideale Sauerstoffversorgung der Organe.
  • Das Gerät ist kleiner als eine Streichholzschachtel und enthält einen elektronischen Schaltkreis und eine Lithiumbatterie. Ein oder zwei dünne Drähte (Sonden) verbinden das Gerät mit Vorhof und/ oder Herzkammer.
  • Implantiert wird der Herzschrittmacher oft unter lokaler Betäubung. Meist wird am Schlüsselbein ein Schnitt platziert. Durch eine Vene wird die Sonde ins Herz geschoben, wo sie im Vorhof oder in der Herzkammer einwachsen muss. Das Gerät selbst wird im Brustmuskel vernäht.
  • Der Defibrillator, kurz Defi genannt, wird Menschen implantiert, die vom plötzlichen Herztod bedroht sind, etwa ausgelöst durch schwere Rhythmusstörungen. Er gibt im Bedarfsfall Elektroschocks ab.

Quelle: Recklinghäuser Zeitung